Slow Paintings

Girl in Bed
John Currin
Girl in Bed
1993
├ľl auf Leinen, 61 x 76,2 cm
Olbricht Collection
Lieber Maler, bitte male mich noch einmal (XIAO)
Jonathan Monk
Lieber Maler, bitte male mich noch einmal (XIAO)
2008
Acryl auf Leinwand, 200 x 300 cm
Courtesy MeyerRiegger Karlsruhe /Berlin
Ert
Tomma Abts
Ert
2003
Acryl und ├ľl auf Leinwand, 48 x 38 cm
Sammlung Boros, Berlin
24. November 2009 - 07. Februar 2010

Slow Paintings

Was passiert, wenn Maler langsam malen? Kann Zeit zum Werkstoff der Malerei werden? Welche Folgen hat das f├╝r den Betrachter? Diesen Fragen ging die Ausstellung Slow Paintings nach. 

Die beteiligten K├╝nstler waren: Tomma Abts, Ross Bleckner, Alighiero e Boetti, Micha├źl Borremans, Gillian Carnegie, Ra├║l Cordero, John Currin, Alexander Esters, Bernard Frize, Franz Gertsch, Andrew Grassie, On Kawara, Konrad Klapheck, Jochen Kuhn, Sebastian Ludwig, Michel Majerus, Fabian Marcaccio, Rodney McMillian, Jonathan Monk, Reinhard Mucha, Manuel Ocampo, Roman Opalka, Laura Owens, Magnus Plessen, Ad Reinhardt, Bernd Ribbeck, Adrian Schiess, Pablo Siquier, Andreas Slominski, Cheyney Thompson, Corinne Wasmuht, Ekrem Yalcindag 

Slow Paintings konzentrierte sich auf Bilder der letzten f├╝nf Jahrzehnte, die ungeachtet der Entwicklung zum ÔÇÜschnellen BildÔÇŤ einem komplexen und lang andauernden Entstehungsprozess unterliegen. Ausgehend von einem erweiterten Malerei-Begriff, beleuchtete die Ausstellung 60 Werke von international bekannten 32 K├╝nstlerinnen und K├╝nstlern auf den Aspekt ihrer Zeitlichkeit hin, auf die f├╝r sie ben├Âtigte Dauer in Produktion und Rezeption.  

Bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Verfertigung von Gem├Ąlden ein ├Ąu├čerst aufwendiger Prozess. Die Herstellung der Pigmente, deren Aufbereitung zu Malfarbe, die Vorbereitung der Leinwand erforderten reichlich Vorlauf. Mit der Industrialisierung der Malutensilien und der Erfindung neuer Farben im 20. Jahrhundert kommt es zu einer erheblichen Beschleunigung des Malvorgangs. Die Suche nach einem Kontrastprogramm zum Tempo und der Effizienz der Moderne f├╝hrt auf dem Feld der Kunst jedoch auch zu einer Malerei, die in demonstrativer Absetzung von Hektik und Geschwindigkeit den Werkprozess zum komplexen Ritual erkl├Ąrt: So addiert Ad Reinhardt bis zu hundert lasierte Farbschichten zu einem spektakul├Ąren Werk, das aufgrund seiner Fragilit├Ąt seit mehr als 20 Jahren nicht mehr unverglast ausgestellt war; in seinen fr├╝hesten Arbeiten ├╝berlagert Bernard Frize 1977 feinste vertikal und horizontal gezogene ├ľlfarblinien zu massiven Bildk├Ârpern. 

Zeit, Existenz und Kunst werden als Teil eines kontemplativen k├╝nstlerischen Vorgehens in den Langzeitprojekten von Roman Opalka oder On Kawara untrennbar miteinander verkn├╝pft: Indem jedes Bild die physische und mentale Substanz der (Lebens)Zeit beansprucht, w├Ąhrend der es entsteht, macht es Langsamkeit erfahrbar. Gillian Carnegie reflektiert in ihren Bildern zeitliche Verl├Ąufe durch das wiederholte Motiv eines verbl├╝henden Blumenstrau├čes, w├Ąhrend Ra├║l Cordero ├╝ber eine Woche hinweg jeden Tag dasselbe Motiv malt. Auf seinen Bildern ist der jeweilige Zeit- und Kalorienverbrauch des Malers notiert: ungew├Âhnliche Kategorien, mit denen Cordero die Bewertung von Kunst nach ihrem Aufwand ironisch hinterfragt. 

Einen Prozess von ├ťbersetzungen und Transaktionen setzt der konzeptionell arbeitende Jonathan Monk in Gang: Von einem Bild, das Martin Kippenberger vor der Berliner Mauer zeigt, bestellt er gemalte Kopien bei sieben chinesischen K├╝nstlern ÔÇô die Autorschaft verliert sich dabei in dem Ma├č, in dem der Aufwand der Auftragsvergabe und die zeitliche Dauer des Arbeitsprozesses potenziert werden. 

W├Ąhrend John Currin bewusst auf die Tradition einer klassischen Tafelmalerei zur├╝ck greift, um mit seinen klischeehaft-manieristischen ÔÇ×fiktiven Portr├ĄtsÔÇť die produktiven Potentiale ÔÇ×schlechterÔÇť Bilder freizulegen, ├╝bersetzt Corinne Wasmuht nach einem Monate w├Ąhrenden Prozess des Sammelns das digitale Bilderrauschen mit altmeisterlicher Lasurtechnik in dauerhafte, gro├čfl├Ąchig ausgebreitete Kompositionen. Sie baut Schicht um Schicht ihre Bildwelten von hinten nach vorn auf, um die Farben wie bei Fernsehbildschirmen oder Kirchenfenstern von hinten leuchten zu lassen. 

Eigens f├╝r die Ausstellung konzipiert wurden zwei in ihrem Entstehungsprozess sehr unterschiedliche Wandgem├Ąlde ÔÇô das eine vor Ort von dem t├╝rkischen K├╝nstler Ekrem Yal├žinda─č ausgef├╝hrt, das andere von dem argentinischen K├╝nstler Pablo Siquier am Computer entworfen. Sie ├╝berf├╝hrten die Malerei in r├Ąumliche Zusammenh├Ąnge. 

Slow Paintings erfordern nicht nur die Konzentration und Hingabe des Malers, sie fordern auch den Betrachter: Im besten Fall korrespondiert das ÔÇÜlangsame MalenÔÇŤ mit einer entschleunigten Rezeption, mit Fokussierung und Kontemplation. Wo der Betrachter sich im Nachvollzug der k├╝nstlerischen Prozesse der Langsamkeit stellt, erh├Ąlt er vertiefte Einblicke in die Entstehung dieser Bilder und findet die fortdauernde Innovationsf├Ąhigkeit des Mediums Malerei best├Ątigt. 

Die Ausstellung wurde kuratiert von Fritz Emslander, Markus Heinzelmann und Stefanie Kreuzer. Es erschient ein Katalog im Verlag f├╝r moderne Kunst N├╝rnberg, hrsg. von Markus Heinzelmann (160 S., Hardcover, mit Beitr├Ągen von Heinz Knobeloch und Wolfgang Ullrich sowie ausf├╝hrlichen K├╝nstlertexten, ÔéČ 25,- an der Museumskasse, ÔéČ 29,- im Buchhandel). 


 

 

 

Mit freundlicher Unterst├╝tzung von: